Müssen wir in Farbe sehe wollen?
Die Schwarzweißfotographie ist ein ganzes Jahrhundert die einzige Form der fotographischen Aufnahme gewesen. Für die Reportage oder für das Hobby waren Farben nie praktisch: Zu teuer, zu zeitintensiv, technisch viel zu aufwendig. Die Wahrnehmung hat gelernt, damit umzugehen.
In Zeiten digitaler Fotografie frage ich mich jedoch: Ist ein Foto in Schwarzweiß anachronistisch? Müssen wir deshalb alle Aufnahmen in Farbe tauchen und dann nachträglich den digitalen Pinsel ansetzen, z.B. mit Techniken wie HDR? Kann sich vielleicht erst dann unser persönliches Farbempfinden zufrieden geben mit dem Ergebnis, mit dem Foto, dass sicherlich nicht mehr ganz so aussieht, wie es in dem Augenblick vor der Kamera war, aber unserer „Stimmung“ entsprach in genau dem Moment?
„Schwarzweiß“ ist ein Stilelement und eine Verfremdung: So selbstverständlich sie früher einmal war, so deutlicher muss sie es heute beweisen. Weshalb ist genau das eine Foto in Schwarzweiß? Da gibt es vielleicht Kontraste, Linien, Strukturen, die zur Begründung angeführt werden. Da ist eventuell ein Foto in Farbe eine „Allerweltsaufnahme“ und bekommt erst mit deren Entzug den entscheidenden Hinweis auf das Objekt vor der Kamera. Was aber häufig bleibt ist eine Faszination, wenn das Himmelsblau, das Lippenrot, das Wiesengrün plötzlich weg ist
Auch Nachtaufnahmen haben häufig diese Faszination, wenn alle „Katzen grau sind“ und ein paar Beleuchtungskörper den Focus in eine gleiche, matte Farbe tauchen: bicolor auf Schwarz.
Und wenn man einem Foto langsam die Farbe entzieht, dann ist es fast so, als wenn die Wimpern der Augen immer weiter zugehen. Das Strahlen der Farben nimmt immer mehr ab, bis nur noch Konturen übrig bleiben – kurz bevor es ganz dunkel wird.
Und vielleicht ist es ja genau das, was Schwarzweißaufnahmen dem Motiv hinzufügen, obwohl wir die Farbe wegnehmen: Eine Distanz im Halbschlaf, eine Unsicherheit, eine Frage: Wie sieht es wirklich aus?
Ein paar Aufnahmen in Black & White ...hier...
